Rockerkrieg im Dorfidyll

Landkreis Cuxhaven. Zweieinhalb Wochen nach der brutalen Auseinandersetzung zwischen den Rockerclubs Mongols MC und Gremium MC in Freiburg gibt es nach wie vor keine Haftbefehle und keine schlüssige Antwort darauf, was diese Eskalation ausgelöst haben könnte. Sicher ist: Mit dem Überfall der Mongols hat die Auseinandersetzung zwischen den Gruppen in der Region eine neue Qualität erreicht.

Der Überfall: Am Sonnabend, 28. September, überfielen gegen 23.30 Uhr nach Aussage der Polizei 20 bis 30 vermummte und mit Messern und Baseball-Schlägern bewaffnete Männer fünf durch ihre Kutten eindeutig als Mitglieder der Motorradgang „Gremium MC Chapter Stade“ zu erkennende Gäste auf der Party.

Das Rollkommando prügelte die Opfer krankenhausreif. Zwei wurden lebensgefährlich verletzt und mussten operiert werden. Eines der schwer verletzten Opfer erlitt einen Messerstich. Die Polizei spricht von einem gezielten Angriff auf die Führungsmitglieder des Stader Rockerclubs, der sein Clubheim in Hollern-Twielenfleth im ehemaligen Lokal „Symphonie“ hat.

Männer polizeibekannt
Ausrichter des von 500 Motorradfahrern besuchten Fests in Freiburg war der Verein „Sound of Freedom“, der aber laut Staatsanwaltschaft mit den gewalttätigen Auseinandersetzungen nichts zu tun hatte.

Die Polizei suchte die Täter anschließend mit einem Großaufgebot und konnte tatsächlich einen Wagen im 25 Kilometer entfernten Hemmoor stoppen, in dem vier polizeibekannte Männer im Alter zwischen 25 und 27 Jahren saßen, die dem Mongols MC zugerechnet werden.

Im Wagen fanden Beamten eine erbeutete Kutte mit dem Rückenabzeichen des Gremium MC, dem sogenannten Colour. Die vier Tatverdächtigen stammen aus dem Raum Bremen und Cuxhaven und wurden vorläufig festgenommen. Gegen die vier festgenommenen mutmaßlichen Täter wurden keine Haftbefehle beantragt. „Wir können den Vieren keine direkte Tatbeteiligung nachweisen“, begründet Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, diesen Umstand.

Welche Rolle die vier Männer bei dem Überfall tatsächlich gespielt hätten, sei unklar. Eine persönliche Mittäterschaft sei nicht nachzuweisen. Nach Aussage der Stader Staatsanwaltschaft gibt es auch keine Fortschritte bei den Bemühungen, die anderen Täter zu ermitteln.

Erschwert werden die Bemühungen von Polizei und Staatsanwaltschaft dadurch, dass weder die mutmaßlichen Täter noch die Opfer mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten. „So gab es aus der Führungsriege von Gremium die Aussage, dass man zu keiner Aussage bereit ist“, sagt Staatsanwalt Breas. Es gehört zum Ehrenkodex dieser Gruppen, nicht mit Außenstehenden zu reden.

In Stade gibt es eine rund zehnköpfige Gruppe der Mongols, die nach Aussage der Polizei aber nicht am Überfall in Freiburg beteiligt war. Da ein Großteil der Täter nach wie vor unbekannt ist, dürfte die Beteiligung des „Chapter Stade“ aber wohl nicht mit letztendlicher Gewissheit geklärt werden können.

Das seit gut einem Jahr verbotene Bremer Chapter der Mongols war das erste seiner Art in Deutschland und „dürfte nach wie vor eine gewisse Führungsfunktion haben“, sagt Stefan Schubert, der mehrere Bücher über Rockerkriminalität geschrieben hat. Das planmäßige Vorgehen spreche für eine gezielte Aktion.

Vorherrschaft im Milieu
Die Bremer Mongols rekrutieren ihre Mitglieder im Wesentlichen aus dem libanesisch-kurdischen Familien-Verband der Miris. Laut Aussage der Bremer Polizei gebe es 2600 Clan-Angehörige in Bremen, von denen „die Hälfte im Polizeicomputer wegen erheblicher Straftaten erfasst“ sei. „Zwischen Mongols und Gremium hat es meines Wissens eine solche Auseinandersetzung noch nicht gegeben“, sagt Experte Schubert. Neben dem szenetypischen, gewalttätigen „Macho-Gehabe“ und der Reviermarkierung geht es bei solchen Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft im Rotlicht-Milieu und in der Türsteher-Szene.

Die Sicherheitsbehörden sehen Teile der Motorradgangs, zu denen die Hells Angels, die Bandidos, Mongols und Gremium gehören, in der Nähe zur organisierten Kriminalität. Die Stader Mongols sollen in die örtliche Prostitution verwickelt sein. Die Polizei befürchtet nun Vergeltungsaktionen des Gremium MC. „Wir beobachten beide Gruppen genau“, sagt der Stader Polizeisprecher Rainer Bohmbach.

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